Ins Land des Sonnengottes

Insight Indien Reportage 2020 gepostet 03.11.2019

Zurück nach Odisha!

Nach 25 Jahren bin ich in den Osten Indiens zurückgekehrt. Nach Kolkata und Odisha oder wie sie früher hiessen: Calcutta und Orissa. Als ich selber noch in Indien lebte, bin ich jedes Jahr in diese Region gereist. Jetzt war ich gespannt, wie sehr sie sich seither verändert hatte.

Kolkata

Meine Reise begann im April 2019 in Kolkata, meiner Lieblingsstadt in Indien. Sie ist ein Hotspot für Musik, Kunst und Literatur. Das ehrwürdige Hotel The Oberoi Grand, welches während der Kolonialzeit Indiens erbaut wurde, ist der ideale Ausgangspunkt für Erkundungen und Stadttouren. Am frühen Morgen fuhr ich zur Howrah-Brücke und schlenderte durch den eindrücklichen Blumenmarkt am Babu Ghat. Hier wurde ich von der "Vivada" abgeholt. Die Fahrt ging unter der Howrah-Brücke hindurch und den Fluss hinauf zum Dak-shineshwar-Tempel, einem wichtigen Pilgerort, an dem der bengalische Mystiker Ramakrishna lebte. Es hätte noch viel mehr zu entdecken gegeben in dieser Stadt, aber am Bahnhof wartete der Zug, der mich nach Odisha bringen sollte.

Zug nach Odisha

Die Howrah Station ist mit ihren 23 Perrons der grösste und zugleich älteste Bahnhof Indiens. Hier startete der Expresszug nach Odisha. Wir verliessen die grosse Stadt und ich genoss es, die Landschaften vorbeiziehen zu sehen. In Balasore wurde ich von meinem Reiseleiter abgeholt und wir fuhren in die kleine Stadt Baripada in Odisha.

Ein Palast im Nirgendwo

Der Staat Mayurbhanj war während der britischen Kolonialzeit einer der fürstlichen Staaten Indiens. Der Maharaja von Mayurbhanj hat bis heute Einfluss auf die Politik in der Region. Seine grosse Familie ist weit verzweigt: Sie reicht bis in die Königshäuser und den Adel von Nepal und Jaisalmer. Die zwei jüngsten Prinzessinnen der Familie, Mrinalika und Akshita, leben in Amerika, engagieren sich aber stark in ihrer alten Heimat. Sie führen mehrere Sozialprojekte. Die beiden Frauen waren es denn auch, die einen Teil des alten Palastes in ein Boutique- Homestay umgewandelt haben. Während meines Aufenthalts fand hier ein Fotoworkshop statt, an dem junge Talente aus der Region gefördert wurden. Gegen Abend zog auch ich mit meiner Kamera los, denn es war eine grosse Wahlveranstaltung in der Stadt angesagt. Die Stimmung war ausgelassen und friedlich. Auf meine Fotokamera reagierte man mit einem Lächeln. Am Abend wurde ich eingeladen, ein Konzert im herrschaftlichen Salon zu spielen. Der bekannte Künstler und Maler Jatin Das, welcher in der Nähe wohnt, kam zu Besuch. Am anderen Morgen zog es mich raus in die Natur. Der nahe, sehr weitläufige Similipal-Nationalpark ist weniger geeignet für Safaris, bietet aber unzählige schöne Wanderpfade. Ich genoss die Wälder und freute mich an der verschlafenen kleinbäuerlichen Landschaft.

Mangroven und Krokodile

Einen Tag später reiste ich der Küste entlang bis an die extrem flache Chandipur Beach. Während der Ebbe zieht sich hier das Wasser bis zu fünf Kilometer zurück. Durch kleine Dörfer fuhr ich bis zum Bhitarkanika-Nationalpark, einem der grössten Mangroven-Ökosysteme Indiens. Begleitet von einem Wildhüter tuckerte ich mit einem kleinen Kutter die schmalen Kanäle hinauf. Es wimmelte von Salzwasserkrokodilen, auch solchen mit ganz ansehnlichen Ausmassen. Ich war froh, sie aus sicherer Entfernung beobachten zu können. An Land tummelten sich wilde Rehe, Affen und Warane. Später wanderten wir durch das Bagagahana-Vogelreservat. Ich konnte Reiher, Seeadler und Störche fotografieren. Aber auch Eisvögel (Kingfisher) liessen sich blicken - acht verschiedenfarbige Arten sollen hier leben. Das Nistgebiet der Oliv-Schildkröten liegt ganz in der Nähe, ist aber für Reisende nicht zugänglich. Die Unterkunft und das Essen im Forest Bungalow waren recht einfach, aber irgendwie passte es zur unberührten Umgebung.

Im buddhistischen «Diamantendreieck»

Ganz in der Nähe des Parkes befinden sich Überreste der einst bedeutenden buddhistischen Stätten Udayagiri, Ratnagiri und Lalitagiri. Sie sind bekannt als das "Diamantendreieck" von Odisha. Auf Hügeln fanden wir Stupas und Grundmauern von buddhistischen Klosteranlagen mit herrlichen Buddha-Skulpturen aus dem 5. bis 13. Jahrhundert nach Christus. In Ratnagiri und Lalitagiri wurden kürzlich Museen eröffnet, die einen umfassenden Einblick in die Bedeutung dieser Stätten geben. Ich übernachtete im Landpalast von Dhenkanal in einem sehr geräumigen Zimmer. Die Aura vergangener Zeiten hängt noch immer über dem imposanten Bauwerk. In einem Flügel des Palastes mit seinen zahlreichen Innenhöfen wohnt bis heute ein Maharaja. Ich hatte Glück: Ich traf ihn am Abend beim Bier im Garten.

Die Sadhus von Dhenkanal

Gegen Abend fuhren wir zum Joronda-Tempel. Hier leben Sadhus (Mönche), welche Mahima Dharma praktizieren: Sie anerkennen keine eigentliche Religion oder Gottheit. Wir durften am eindrücklichen Abendritual teilnehmen. Zum Vollmond im Februar (Magh Purnima) strömen jeweils Tausende von Pilgern zum Joranda Sadhu Festival hierher.

Bhubaneswar – die Stadt der Tempel

Bhubaneswar ist die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Odisha und erstreckt sich rund um den heiligen Bindu-Sarovara-See. Über fünfhundert Tempel befinden sich hier. Odisha wurde weitgehend von zerstörerischen Eroberern verschont, darum sind hier viele gut erhaltene Tempel aus dem 6. bis 11. Jahrhundert nach Christus zu finden. Mein lokaler Reiseleiter führte mich durch die Altstadt und zu vielen eindrucksvollen Tempeln. Ein Traum aus Sandstein ist der kleine Mukteshvara-Tempel im Zentrum. Ich lernte die Priester kennen, die hier die Ahnenrituale (Shrad) für die Pilger durchführen. Ich durfte die grosse Tempelküche begutachten, wo täglich 58 verschiedene Gerichte (streng vegetarisch, sogar ohne Nachtschattengewächse) für die Pilger zubereitet werden. Eindrücklich! Ebenfalls beeindruckt haben mich die beiden neuen Museen in der Stadt: das Tribal Museum und das Kala Bhoomi. Beide offerieren einen interessanten Einblick in das Leben der verschiedenen Volksstämme Odishas. Zum Sonnenuntergang fuhren wir auf einen der zahlreichen Hügel am Stadtrand: bei den Udayagiri- und Khandagiri-Höhlen trafen wir viele indische Touristinnen und Touristen, die den idealen Platz für ihr obligates Selfie suchten.

Puri

Heute hiess es: Auf nach Puri! Aber nicht ohne einen Halt bei der grossen Shanti-Stupa! Hier hatte sich Kaiser Ashoka zu Buddhismus und Ahimsa (Gewaltlosigkeit) bekehrt. Puri selber hatte sich seit meinem letzten Besuch kaum verändert. In der lebhaften Pilgerstadt beten Tausende zu Jagannath und besuchen seinen Tempel im Stadtzentrum. Für "Nicht-Hindus" wie mich war und ist der Tempel nicht zugänglich. Beruhigend: Nicht einmal Indira Gandhi durfte rein, da sie mit einem Parsi verheiratet war. Zum Glück gibt es Tempel, in denen auch Nicht-Hindus willkommen sind: der Sonnentempel in der nahe gelegenen Kleinstadt Konark zum Beispiel. Das imposante Monument symbolisiert einen riesigen Sonnenwagen. Er wird gezogen von sieben Pferden zu Ehren des Sonnengottes Surya. In Puri locken aber nicht nur wunderschöne Tempel, sondern auch kilometerlange Strände. In einem der Hotels am langen Sandstrand hätte ich meine Reise ausklingen lassen können. Doch mich zog es zurück in meine Lieblingsstadt: Kolkata mon amour.

Fazit

In Odisha hat sich nicht viel verändert. Allerdings gibt es heute bessere Strassen und Zugverbindungen und der Komfort in den Hotels ist gestiegen. Die Betreuung durch lokale Reiseleiter ist hervorragend. Es gibt sehr schöne, neue Museen in diesem Bundesstaat und bisher kaum westliche Touristen. Auf dem Land scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Immer noch leben die Leute in Strohhütten, das Wasser wird von den Frauen auf dem Kopf zu den Häusern getragen. Die Region ist ein Geheimtipp für Reisende, die das ursprüngliche Indien kennenlernen wollen. Die Menschen sind freundlich und freuen sich über Besucherinnen und Besucher. Gerade darum ist Odisha für mich eine der interessantesten Regionen Indiens. 

Text: Hans Wettstein