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"Wir sehen unsere Gäste als Freunde." AMANKORA-Lodges Bhutan

Interview mit John E. Reed und Hans Wettstein 2019

In den Amankora-Lodges herrscht ein «Zuhause-Gefühl». Die Aman-Luxushotelkette hat eine grosse Stammklientel – auch in Bhutan. Geführt werden die dortigen Lodges seit vielen Jahren vom amerikanischen Tourismusfachmann John E. Reed. Seit 2003 lebt er in Bhutan.
Interview: Hans Wettstein

John Reed, was führte Sie nach Bhutan?
Ich kam 1994 zum ersten Mal nach Bhutan. Kurz davor hatte die Aman-Gruppe die Bewilligung erhalten, hier in Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmern Lodges zu bauen. 2001 wurde das Projekt konkreter, zwei Jahre später zog ich nach Bhutan. Das Land hatte mich fasziniert, seit mir mein verstorbener Bruder 1986 den Artikel «Königreich in den Wolken» gezeigt hatte, der im amerikanischen «Smithsonian Magazin» erschienen war.

Wie sehen heute Ihre Tage im Königreich aus?
Meine Arbeit hält mich auf Trab, und wenn immer möglich, verbringe ich Zeit mit unseren Gästen. In meiner Freizeit steige ich aufs Mountainbike oder gehe wandern. Gerne koche ich auch für Freunde.

Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit am meisten?
Das Schönste für mich ist, wenn es mir gelingt, unseren Gästen Erlebnisse und Erfahrungen zu ermöglichen, die ihnen im besten Fall ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Es ist mir ein grosses Anliegen, Reisenden die Kultur, die Geschichte, die Religion, aber auch Flora und Fauna Bhutans näherzubringen.

Apropos Religion: Sind Sie Buddhist geworden in Bhutan?
Ja, das ist tatsächlich so. Seit 1996 praktiziere ich Buddhismus.

Profitiert Bhutan vom Luxustourismus oder fliessen die Einnahmen wie vielerorts ins Ausland?
Dass das Land vom Luxustourismus profitiert, zeigt sich nur schon daran, wie viele lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wir beschäftigen: Es sind mehr als 400. Was in unseren Hotels konsumiert wird, beziehen wir grösstenteils von lokalen Bauern. Weiter gibt es natürlich ganze Wirtschaftszweige, die ausschliesslich vom Tourismus leben: Fahrer, Fremdenführer, Autovermietungen und so weiter. Und selbstverständlich zahlen wir hohe Regierungsabgaben und Steuern.

In Bhutan setzt die königliche Regierung auf Bruttonationalglück statt Bruttosozialprodukt. Für viele Menschen in Bhutan bedeutet das ein Leben in Armut. Ist das Bruttonationalglück eine Worthülse? 
Überhaupt nicht! Die Philosophie des Glücks wird von der Bevölkerung hochgeschätzt. Sie beeinflusst alle Entscheidungen der Regierung. So ist eine nach haltige wirtschaftliche Entwicklung erklärtes Ziel, ebenso der Erhalt der Kultur und der Schutz der atemberaubenden Natur. Bhutan ist ein sicheres Land mit einer Gesundheitsversorgung für alle, Religionsfreiheit und einer äusserst niedrigen Kriminalitätsrate. Das Land mag nach unseren Massstäben arm erscheinen, aber es ist in anderen Belangen sehr reich.

Wer residiert in den Fünf-Sterne Aman-Lodges? Millionäre und Stars?
Wenn ich mir das genau überlege, kann ich diese Frage gar nicht beantworten. Wir kümmern uns nicht darum, ob unsere Gäste reich oder berühmt sind. Wir sehen sie als Freunde, die wir in unserem Daheim willkommen heissen. In diesem Sinne kennt Freundschaft keine Einschränkungen oder Grenzen.

Muss ich einen Anzug mit nehmen, wenn ich in einem Aman-Hotel übernachten möchte?
Sicher nicht, wir gehen davon aus, dass unsere Gäste sich nicht unangemessen kleiden, darüber hinaus kennen wir keine Kleidervorschriften. Auch hier sehen wir unsere Gäste wie Freunde, die wir in unser Heim einladen. Wir möchten, dass sie sich bei uns wohl fühlen, und respektieren sie so, wie sie sind.

Als ich 2018 Bhutan besuchte, fielen mir die zahlreichen Baustellen und die vielen neuen Gebäude auf. Wird das kleine Königreich in ein paar Jahren noch derselbe idyllische Ort sein?
Da bin ich voller Hoffnung. Die Bautätigkeiten und das Wachstum beschränken sich auf die wenigen grösseren Städte. Das Bevölkerungswachstum ist überschaubar: So wohnen in der Hauptstadt Thimpu gerade einmal 120 000 Menschen. Die Stadt hat sich entwickelt, aber ihren Charme bewahrt. Die Kultur lebt, die Menschen begegnen sich mit viel Respekt und es gibt einen starken Sinn für die Gemeinschaft.

Warum sollen Menschen nach Bhutan reisen?
Bhutan ist eine Wir-Gesellschaft. Gäste sind willkommen. Auch wer nur kurz im Land ist, wird herzlich aufgenommen. Die Bevölkerung in Bhutan ist offen, gastfreundlich und unterscheidet nicht zwischen «Fremden» und Einheimischen. Das macht berührende Begegnungen möglich. Dann ist da die unberührte Natur, die historischen Tempelanlagen, die offenherzigen Mönche …

John Reeds Highlights:

  • Die sehr alte, inspirierende Architektur – Dzongs, Klöster und traditionelle Wohnhäuser.
  • Die atemberaubenden Wandmalereien. Sie zeigen Buddhas, Asketen und faszinierende Erscheinungen. Sie sind sehr alt und stammen aus dem 7., 12. und 16. Jahrhundert.
  • Die singenden Mönche jeden Alters, die Mantras rezitieren und unentwegt für alle fühlenden Wesen auf dieser Erde beten. Ihre Gesänge begleiten sie mit Trommeln, Hörnern und Zimbeln.
  • Die tiefen Schluchten und die rauschenden Wassermassen, die über felsige Flussbette Richtung indische Tiefebenen rauschen.
  • Menschen, die mit wettergegerbten Händen aufwändige Gebetsketten knüpfen und dazu Mantras rezitieren. Weisse, rote, blaue und gelbe Gebetsfahnen, die dem Wind gute Wünsche zuflüstern.
  • Majestätische, schneebedeckte Berggipfel – bewohnt von Göttern und Geistern.
  • Pilger, die unablässig Stupas umrunden und damit die Seelen der ganzen Welt berühren.
  • Traditionelle Kleider, gerne getragen und präsentiert, lebendige Farben und eindrucksvolle Muster.
  • Dichte, gesunde Nadelbaumwälder, verschiedenste Harthölzer und eine unendlich grosse Vielfalt an Rhododendren.
  • Feurige Chillis, gekocht im warmen, scharfen, cremigen Frischkäse. Eine nationale Liebhaberei!
  • Leicht bittere Buchweizen Pancakes, die sich im Mund mit dickflüssigem, süssem Bumthang-Honig mischen.
  • Schulkinder, die lang vergessene Bräuche zum Leben erwecken, ihre Verneigungen und ihr herzlicher, wissbegieriger Blick.
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