Der Bauernhof am Yamdrok Tso

Insight Tibet Reportage 2020 gepostet am 04.12.2019

Wer der tibetischen Bevölkerung besonders nah kommen möchte, der übernachtet bei einer einheimischen Familie. Ich selber war unterwegs auf der Überlandstrasse von Lhasa nach Kathmandu, als ich eine tibetische Bauernfamilie kennenlernte. Aber alles der Reihe nach:

Auf den gutausgebauten Strassen kamen wir rasch voran. Wir verliessen die Autobahn, zweigten am Brahmaputra ab und fuhren auf einer neuen Passstrasse zum Yamdrok Tso, dem türkisfarbenen See auf 4400 Metern über Meer. Immer wieder begegneten wir wilden Tibetantilopen (Tschiru). Der Handel mit ihrer Wolle (Shahthoosh) ist bei uns seit 1979 verboten. Der Zufall wollte es, dass wir durch ein Dorf fuhren, in dem soeben das jährliche Dorffest stattfand. Es war das Ende des Schuljahres, das gefeiert wurde. Ich fragte meinen lokalen Reiseleiter Sonam, der ganz gut Deutsch spricht, ob spontan ein Besuch bei einer Familie möglich wäre. Er nickte und fuhr in ein kleines Dorf, hielt vor einem typischen tibetischen Bauernhof.

Nur die Bäuerin war anwesend, der Rest der Familie war auf dem Feld. Im Innenhof standen ein paar Schafe, eine Kuh und natürlich ein tibetischer Hund, gut gesichert an einer Leine. Wir wurden in den Wohnraum geladen. Auf einem Altar standen Fotos von buddhistischen Mönchen der Sakya-Tradition, über einem Schrank hing das wohl obligatorische Bild der chinesischen Parteiführung. Auf jedem Haus hier wehte die rote Flagge. In der geräumigen Stube türmten sich Matratzen. Sie werden ausgelegt, wenn sich Gäste entschliessen, hier zu übernachten. Im kleinen Haus begegneten sich Tradition und Moderne: In der Küche stand ein Herd mit Holz, aber auch einer, der mit Gas betrieben wurde. Es gab einen Fernseher, einen Reiskocher, einen Kühlschrank und sogar einen Tiefkühler. Die Bäuerin war freundlich, wir wollten Sie aber nicht länger aufhalten und fuhren weiter.

Das Leben in der Hochebene ist hart, auch wenn sich die Lebensbedingungen für die Bauern in den letzten Jahren stark verbessert haben. Wenn Sie bei einer tibetischen Bauernfamilie übernachten möchten, organisieren wir das gerne. Der Besuch in einem dieser Homestays lässt sich gut mit einer Wanderung am Yamdrok Tso verbinden. Meine Reise durch Tibet endete wenige Tage später an der Grenze zu Nepal. Ein unvergesslicher Trip. Ich werde bestimmt zurückkehren.