Ayurveda am offenen Horizont

Reisebericht zum Alpino Atlantico von Daniela Kuhn, gepostet am 10.09.16


An der Südküste Madeiras bietet das Hotel Alpino Atlantico ein umfassendes Angebot an Ayurveda. Zum Beispiel die einwöchige Entspannungskur.


Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel dauerte nur zehn Minuten, doch nun, da ich auf dem Balkon meines Zimmers stehe, hoch über dem tiefblauen Atlantik, liegt alle Hektik weit hinter mir. Ich mache mich auf, um das Meer von nah zu begrüssen. Das Hotel Alpino Atlantico befindet sich in einem ruhigen Wohnquartier. Die Villen sind vorwiegend von Deutschen bewohnt, die hier ihren Lebensabend verbringen. Nach wenigen Schritten stehe ich an der Balustrade des Hotels Galomar. Die Sonne versinkt gerade in einer Wolke am Horizont. Sigmund Bachmeier, der aus München stammende Hotelbesitzer, dem auch das "Alpino Atlantico" gehört, liess hier 1971 in die steilen Felsen des Lavafingers eine Steintreppe bauen, die hinunter ans Wasser führt. Ein Blick von oben genügt: Die windgeschützte Bucht wird in den nächsten Tagen mein Ort sein!


Punkt sieben Uhr abends finden sich im Speisesaal die Ayurveda-Gäste ein. Eine deutsche Frauenrunde unterhält sich angeregt am langen Tisch. Das Buffet ist tridosha, das heisst, es ist für jeden der drei ayurvedischen Energie-Typen geeignet. Ich schöpfe Suppe, gekochte Karotten und Quinoa und setze mich auf die Terrasse. Mein Tischnachbar kommt eben von einer Stirnguss-Behandlung. Der Hamburger hat hier schon letztes Jahr eine zweiwöchige Panchakarmakur absolviert, die den Körper reinigt. Wir wechseln nur wenige Worte, dann verabschiede ich mich und gehe auf mein Zimmer. Im Bett lausche ich dem Rhythmus des Atlantiks, den sich brechenden Wellen und zurückrollenden Steine.

Kurkuma mit Honig


Um neun Uhr morgens haben die Hotelgäste, die keine ayurvedische Kost gebucht haben, ihre Tische bereits verlassen. Wir Kurgäste lassen das Buffet mit Wurst und Kaffee links liegen und essen einen warmen Brei und gekochte Früchte. Doktor Gopal erwartet mich in seinem kleinen Sprechzimmer. Der aus dem südindischen Cochin stammende Arzt befragt mich nach meinem Gesundheitszustand und untersucht Puls, Blutdruck und Zunge. Er meint, ich sei ein Vata-Pitta-Typ. Mein gelegentlich verspannter Nacken sei Ausdruck eines Ungleichgewichts der Vata-Energie. Ich erhalte Massagen verordnet, täglich einen Löffel Kurkuma mit Honig sowie Ginger- und Fencheltee, der mir in einer Thermosflasche ausgehändigt wird. Zum Auftakt erhalte ich eine Ölmassage von Kopf, Gesicht, Beinen und Füssen. Wohlig entspannt und mit öligem Haar taumle ich im Bademantel zu meinem Zimmer. Beim Mittagessen zeigen sich die Stärken von Küchenchefin Kinga. Sie glänzt mit einem hervorragenden, fast ganz veganen Buffet, das neben Curries, Reis und Linsen verschiedene frische Salate und Chutney umfasst. Angesprochen auf die gestrige Bechalmelsauce und die rahmige Suppe, erklärt die Polin in fliessendem Deutsch, sie verwende ausschliesslich Sojaprodukte. Gemüse und Früchte kommen aus der Gegend. Kinga kochte auch in Birstein, dem deutschen Ayurveda-Mekka. Birgit Moukom hat sie nach Madeira geholt. Die studierte Pädagogin führte in Hannover früher eine grosse Zeitarbeitsfirma. Im Rahmen einer Ayurvedakur in Sri Lanka lernte sie die indische Philosophie und Heilkunst kennen. Moukom beschloss, ihr Leben zu ändern. Sie liess sich als Ayurvedaärztin ausbilden und eröffnete in Hannover ein Seminarzentrum. Den Rest der Geschichte schrieb sozusagen das Leben selber: Roland Bachmeier, der in Canico die drei Hotels seines Vaters Sigmund führt, interessierte sich für Ayurveda und fragte Moukom, ob sie den Spa-Bereich des neusten Hotels ausbauen möchte. Sie nahm das Angebot an und liess später zudem die einstige Wäscherei des "Alpino Atlantico" als ayurvedisches Kurzentrum umbauen, das sie vor zweieinhalb Jahren eröffnete. Alpin ist das 1986 eröffnete Haus insofern, als es einem langen Adlerhorst gleicht, dessen 27 Zimmer alle Blick zum Meer haben. Sie sind renoviert und mit schlichten Möbeln eingerichtet. Der Yogaraum und die Lounge mit Terrasse sind im letzten Sommer hinzugekommen.

„Dürfen wir das?“


Am nächsten Tag ist der Himmel bedeckt. Ich unternehme nur einen Spaziergang und werde nochmals von Anna Philippa massiert. Nachdem ich gestern starke Kopfschmerzen hatte und sogar erbrechen musste, lässt sie Kopf und Bauch vorsichtshalber aus.

Am späten Nachmittag gleitet ein riesiges Kreuzfahrtschiff wie eine Erscheinung vorüber. In der Nachbarschaft bellt ein Hund. Tags darauf sind die Lebensgeister wieder da und auch die Sonne meldet sich zurück.

Ich ziehe in ein anderes Zimmer, weiter weg von Speisesaal und Rezeption. Es ist kleiner und gemütlicher und hat sogar Wifi-Empfang. Auch erhalte ich eine weiche Auflage für die harte Matratze - was für einen Unterschied!

Nach dem Frühstück mache ich mich auf zum Lido Galomar und geniesse das Schwimmen im Salzwasserpool. Um ein Uhr ruft Kingas Buffet. "Be here and now", meint Anna Patrizia, während sie mich massiert. Die Musik, die ich aus einem anderen Behandlungszimmer oder vom Gang her höre, solle mich nicht stören. Sie hat Recht, aber es gelingt mir nicht, die Musik auszublenden, die Marmapunkt-Massage mit anschliessendem Dampfbad ganz zu geniessen. Die innere Unruhe mag auch damit zu tun haben, dass ich heute Morgen meine elektronische Post gelesen habe.

Den nächsten Tag beginne ich mit der frühmorgendlichen Yogastunde von Anna Patrizia. "Dürfen wir das?" fragt mich am Frühstücksbüffet eine Deutsche, die in meiner Hand einen Kiwi entdeckt. Eigentlich nicht. Oder doch. Ich esse ihn jedenfalls und gehe danach wieder schwimmen. Der alte Madeirer, der aussieht wie Picasso und schon gestern neben mir an der Sonne lag, ist auch wieder da. Wir unterhalten uns lange. "See you tomorrow", sagt Juan Antonio.

Heute werde ich von Bruno massiert. Nachdem mich mit Öl eingestrichen hat, trommelt er mit zwei Baumwollstempel, die mit Rizinusblätter gefüllt sind, über meinen Körper. Es ist ein Einsatz mit voller Kraft und spürbarer Erfahrung. Der junge Portugiese studierte in Lissabon Psychologie, bis er auf Ayurveda stiess und damit auf die "wirkungsvollere Heilungsmethode". Nach 45 Minuten bin ich durchgerüttelt und quicklebendig. Das Öl auf meiner Haut riecht nun wie eine würzige Salatsauce. Ich lasse es in die Haut einziehen und mache mich noch auf zum verrosteten Hafenkran, wo die Promenade endet.

Beim Abendessen unterhalte ich mich mit einem älteren deutschen Landwirt, der zusammen mit seiner Frau schon etliche Ayurvedakuren an verschiedensten Orten absolviert hat. Das Essen dauert nie lange, spätestens um acht Uhr sind wir wieder auf unserem Zimmer. Am dunkeln Nachthimmel ist der Horizont schwer auszumachen.

Meine beiden letzten Kurtage bleiben mir noch lange in bester Erinnerung: Der im gleissenden Licht glitzernde Atlantik, in dem ich in Begleitung von Juan Antonio ein paar Züge schwimme; die fantastische Ganzkörpermassage von Anna Paula, die bis zu ihrem fünfzigsten Lebensjahr als Sekretärin arbeitete und dann zum Glück für sie und ihre Kunden die Kunst der Massage erlernte; das für mich neue Erlebnis Udvartana, bei dem ein Pulver von drei indischen Kräutern auf dem mit Öl eingeriebenen Körper zu einer kräftigen Peeling-Massage wird und nicht zuletzt die gegrillte Dorade, die ich mir am letzten Abend auswärts genehmige. Es kämen ihm während den Ayurvedakuren jeweils gute berufliche Ideen, hatte der ältere Landwirt gesagt, den ich an meinem letzten Tag genüsslich eine Zigarre rauchend antraf - ich kann ihm nur beipflichten: Obwohl es nur sechs ganze Tage vor Ort waren, reise ich beglückt und äusserst inspiriert nach Hause. Unter anderem mit dem Vorsatz, im November wiederzukommen.

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