Auftakt in Beijing

Nach einem langen Flug und mit wenig Schlaf kommen wir in Beijing an. Der moderne Daxing Airport liegt rund 60 Kilometer ausserhalb des Stadtzentrums, ist jedoch hervorragend angebunden. Mit dem Daxing Airport Express gelangen wir in nur zwei Stationen und ca. 20 min bis zur Caoqiao Station. Ab Caoqiao geht es entweder mit einer weiteren Metroverbindung weiter (neues Ticket erforderlich) oder bequem mit dem Taxi direkt zum Hotel.
Während der Taxifahrt fällt vor allem eines auf: die Ruhe. Kein Hupen, kein hektisches Drängeln – der Verkehr wirkt erstaunlich geordnet und entspannt. Ein erster Eindruck von Beijing, der überrascht und angenehm in Erinnerung bleibt.
Gut zu wissen: e Arrival Card für die Einreise nach China
Für die Einreise nach China empfiehlt es sich, die e Arrival Card bereits vor der Ankunft auszufüllen. Dazu wird zunächst der Pass fotografiert; die wichtigsten Angaben wie Name und Passnummer werden automatisch übernommen. Anschliessend sind nur noch wenige zusätzliche Informationen einzugeben – obligatorisch sind ausschliesslich die mit Sternchen markierten Felder.
Pro Reisegruppe genügt ein Antrag, weitere Mitreisende können am Ende problemlos hinzugefügt werden. Nach dem Absenden wird ein QR Code generiert, der bei der Immigration vorzuzeigen ist und eine effiziente Einreise ermöglicht.

Die Unterkunft Le Zai Nanluo Guxiang liegt mitten im historischen Teil von Beijing, eingebettet in die traditionellen Hutongs und ganz ohne Hochhäuser in der unmittelbaren Umgebung. Nur wenige Schritte entfernt befindet sich eine lebendige, touristische Fussgängerzone mit zahlreichen Shops und Restaurants – und dennoch ist es in der Unterkunft selbst erstaunlich ruhig. Ein liebevoll gestalteter Innenhof und eine wunderschöne Terrasse im zweiten und dritten Stock, umgeben von Pflanzen und Bäumen, schaffen eine fast idyllische Atmosphäre – ein echter Rückzugsort mitten in der 20 Millionen Metropole. Von der Terrasse im dritten Stock bietet sich zudem ein schöner Blick über die Dächer der Hutongs.
Nach einem erholsamen Schlaf erkunden wir die nähere Umgebung und besuchen den zentral gelegenen Beihai Park. In der Gegend rund um den See Qianhai herrscht noch reger Betrieb, doch sobald wir den Eintritt zum Beihai Park bezahlen (ca. 1 CHF) und die Sicherheitskontrolle passieren, lichtet sich die Menge deutlich. Plötzlich breitet sich eine wohltuende Ruhe aus – eine grüne Oase mitten in der Stadt.
Anschliessend geht es weiter zum Jingshan Park. Von hier bietet sich ein eindrücklicher Blick von oben auf die Verbotene Stadt. Der Aussichtspunkt ist beliebt, entsprechend viele Besucher sind unterwegs, und es braucht etwas Geduld – oder ein kleines Vorrücken –, um ganz vorne an der Balustrade zu stehen.
Danach ziehen wir weiter Richtung Osten zur bekannten Shopping Strasse Wangfujing. Grosse Kaufhäuser und internationale Luxusmarken prägen das Bild und zeigen eine ganz andere, moderne Seite der Stadt.
Den Tag lassen wir bei einem Abendessen mit Yunnan Küche ausklingen. Die typischen sauer scharfen Aromen sind intensiv, ausgewogen und ausgesprochen lecker – ein kulinarisches Highlight, das in Erinnerung bleibt.
Xi’an entdecken: Schnellzug, Streetfood und die Terrakotta Armee

Mit dem Fuxinghao Schnellzug reisen wir nach Xi’an. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 349 km/h erreichen wir die Stadt in etwas mehr als vier Stunden. In der ersten Klasse geniessen wir breite, komfortable Sitzplätze sowie kleine Snacks – die Fahrt verläuft ruhig und effizient.
Vom Bahnhof fahren wir mit der Metro in die Nähe unserer Unterkunft und legen den letzten Abschnitt zu Fuss zurück. Der Weg ist grundsätzlich angenehm, erfordert jedoch Aufmerksamkeit, da Roller und Autos häufig den Verkehrsraum teilen. Am Abend prägen zahlreiche Shaokao Restaurants das Strassenbild. Diese BBQ Lokale stellen ihre Tische und Stühle nach draussen, teils bis an den Strassenrand. Die lebendige Atmosphäre und die intensiven Düfte machen den Spaziergang zu einem Erlebnis. Die Wartezeiten sind lang, doch das rege Treiben vermittelt einen authentischen Eindruck des lokalen Alltags.

Am nächsten Tag erkunden wir Xi’an in gemächlichem Tempo und besuchen die bekannte Muslim Street, die für ihren vielfältigen Streetfood berühmt ist. Trotz der grossen Besucherzahlen fällt die Sauberkeit positiv auf. Wir entdecken lokale Spezialitäten wie Roujiamo – eine Art chinesischer Burger – sowie zahlreiche Stände mit Rind und Lammspiessen. Ebenfalls typisch für Xi’an sind Biangbiangmian: frisch handgezogene, breite Nudeln mit Fleisch und Gemüse. Die Gerichte sind ansprechend präsentiert und geschmacklich überzeugend. Die Begegnungen mit den Menschen sind offen und herzlich, die Freude über unser Interesse an der lokalen Küche spürbar.
Am Abend besuchen wir die Tang All Day Mall, eine weitläufige, offene Fussgängerzone mit kurzen Showeinlagen. Nach Einbruch der Dunkelheit sorgt die stimmungsvolle Beleuchtung für eine besondere Atmosphäre.

Am folgenden Tag fahren wir etwas ausserhalb der Stadt zur Terrakotta Armee. Die Anlage ist grosszügig angelegt und äusserst eindrücklich. Drei Hallen sind zugänglich, wobei Halle 1 mit rund 6’000 Kriegern und einigen Pferden die bedeutendste ist. Von diesen sind aktuell jedoch erst etwa 2’000 Krieger freigelegt und für Besucher ausgestellt. Trotz der vielen Besucher wird der Rundgang gut gelenkt, sodass genügend Zeit bleibt, die Figuren aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Besonders spannend sind die Details: Uniformen, Kopfbedeckungen und Körperformen unterscheiden sich je nach Rang. Die Soldaten tragen einfachere Uniformen, Offiziere erkennt man an ihren Kopfbedeckungen – je höher der Rang, desto grösser und aufwendiger fallen diese aus. Auch der körperliche Eindruck verändert sich: Höherrangige Figuren wirken wohlgenährter, während einfachere Soldaten dünner und schmächtiger sind.
Den Abschluss bildet die Begegnung mit einem Herrn Yang, der angibt, einer der Bauern gewesen zu sein, welche die Terrakotta Armee 1974 beim Graben eines Brunnens entdeckten. Da sich diese Aussage nicht unabhängig bestätigen lässt, ist sie mit der nötigen Zurückhaltung zu betrachten.
Gut zu wissen: Reisepass immer mitführen
In China sollte der Reisepass stets mitgeführt werden. Er wird nicht nur bei Zugfahrten kontrolliert, sondern auch für den Kauf von Eintrittstickets zu grösseren Sehenswürdigkeiten sowie für Tax free Einkäufe benötigt. Eine Kopie reicht in diesen Fällen in der Regel nicht aus.
Wuhan – Zwischen Grossstadt und Grünflächen am Yangtse

Die Reise führt weiter nach Wuhan. Wir legen hier bewusst einen Zwischenstopp ein, um die lange Zugfahrt nach Huangshan in angenehmere Etappen von jeweils rund 3,5 Stunden aufzuteilen. Da das Wetter während unseres Aufenthalts eher regnerisch ist, konzentrieren wir uns auf Erkundungen in der unmittelbaren Umgebung des Hotels.
Bei wechselnd bewölktem Himmel und leichtem Nieselregen spazieren wir durch nahegelegene Parks und entdecken dabei auch einige interessante Vogelarten und Kunstwerke aus lebenden Pflanzen. Statt den Hauptstrassen zu folgen, wählen wir einen Weg über einen Hügel und bewegen uns durch viel Grün in Richtung Yangtse Fluss. Den Fluss überqueren wir auf einer Autobrücke, die beidseitig über grosszügige Trottoirs für Fussgänger und Velofahrer verfügt.
Am anderen Ende der Brücke beobachten wir eine Gruppe von Schwimmern, die sich auf eine Flussüberquerung vorbereitet. Da sich der Yangtse hier auch von grossen Frachtschiffen befahren lässt, tragen alle gut sichtbare orange Seesäcke.
Ganz in der Nähe besuchen wir die bekannte Yellow Crane Pagode, eines der Wahrzeichen der Stadt. Am Abend zwingt uns der anhaltende Regen dazu, das Nachtessen in der Shopping Mall direkt neben dem Hotel einzunehmen. Typisch für chinesische Malls befinden sich Food Courts und einfache Lokale in den unteren Etagen, während sich in den oberen Stockwerken Restaurantketten und grössere Restaurants finden. Je nach Wahl isst man hier ausgesprochen gut – und bleibt dabei bestens geschützt vor Sommerhitze oder Regenwetter.
Huangshan – Wo Felslandschaften, Tradition und Hightech aufeinandertreffen

Bei starkem Regen machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof und fahren mit dem Schnellzug weiter nach Huangshan. Unsere Unterkunft befindet sich in Tunxi, direkt am Anfang einer Fussgängerzone mit zahlreichen Shops, Cafés und Restaurants – eine lebendige, angenehme Umgebung.
Am Abend besuchen wir ein aussergewöhnliches Restaurant. Im gesamten unteren Stockwerk sind sämtliche Gerichte der Speisekarte wie ein Buffet ausgestellt. Mit einem magnetischen Clipboard ausgestattet, schlendern wir von Gericht zu Gericht und wählen anhand kleiner Magnete aus, was uns anspricht. Die gesammelten Magnete werden anschliessend an der Kasse bezahlt, danach wird uns ein Tisch im oberen Stockwerk zugewiesen. Über einen QR Code am Tisch lassen sich bei Bedarf weitere Gerichte nachbestellen. Ein ungewöhnliches, aber sehr intuitives Konzept – und das Essen ist ausgesprochen lecker.

Am nächsten Tag brechen wir frühzeitig Richtung Huangshan Gebirge auf. Die Wetterprognose ist vielversprechend – und sie bewahrheitet sich. Den ganzen Tag über begleitet uns sonniges Wetter, ideale Bedingungen für einen Ausflug in diese eindrückliche Berglandschaft. Da wir nicht allzu früh starten, umgehen wir den grössten Besucheransturm. Mit dem Touristenbus gelangen wir zur Seilbahn und fahren hinauf auf den Berg.
Oben eröffnet sich eine spektakuläre Szenerie: die typischen Granitfelsen von Huangshan, gesäumt von knorrigen Kiefern, dazu im Frühling farbige Blüten – ein landschaftliches Highlight. Wir wandern durch verschiedene Bereiche, steigen zahllose Treppen hinauf und hinab und bleiben immer wieder stehen, um die Aussicht zu geniessen.
Besonders eindrücklich sind die Gepäckträger, die die Bergpfade zu Fuss bewältigen, um die Hotels auf dem Gipfel mit frischer Bettwäsche und Kunstrasen zu versorgen. Sie tragen Lasten von bis zu 50 Kilogramm. Gleichzeitig sind grosse Drohnen im Einsatz, die ebenfalls Material transportieren – bis zu 100 Kilogramm pro Flug. Überlieferte Arbeitsweisen und moderne Technologie stehen hier unmittelbar nebeneinander.

Der zweite Tag in Huangshan ist bewölkt – perfektes Wetter für einen Ausflug zu den Wasserdörfern der Region. Wir besuchen das über 800 Jahre alte Xidi Ancient Village, bekannt für seine eleganten, gut erhaltenen Holzhäuser. Wir spazieren durch enge Gassen, probieren lokal angebauten Tee und schlendern durch gepflegte Reisfelder. Die Atmosphäre ist ruhig und authentisch, zahlreiche regionale Spezialitäten laden zum Kosten ein.
Mutig probieren wir Maodoufu, den sogenannten «haarigen Tofu». Durch einen Fermentationsprozess mit Schimmelpilzen erhält er sein ungewöhnliches Aussehen. Gebraten und gut gewürzt überrascht er jedoch positiv: innen weich und cremig, aussen knusprig.
Am Abend besuchen wir die Huizhou Show in der Stadt. Bereits vor Beginn nehmen wir an der Vorshow teil, bei der Besucher gemeinsam mit den Darstellern durch eine nachgebaute Strasse spazieren und in das Shanghai der 1930er Jahre eintauchen. Kunstschnee aus Seifenschaum, historische Kostüme und zahlreiche Fotomotive sorgen für eine charmant kitschige Stimmung.
Die eigentliche Show dauert rund 70 Minuten und erzählt die Geschichte der Region Huizhou mit Tanz, Gesang und eindrücklicher Bühneninszenierung. Moderne Technik und hohe künstlerische Qualität machen die Aufführung zu einem gelungenen Abschluss unseres Aufenthalts in Huangshan. Auch Danila Eiselt aus unserem Team hat die Huizhou Show bereits besucht – und zwar im Jahr 2024. In ihrem persönlichen Reisebericht teilt sie weitere Eindrücke aus der Region Huangshan und ihren Abenteuern in China.
Hangzhou – Westsee, Teekultur und Kontraste

Die nächste Station unserer Reise ist Hangzhou, bekannt für den malerischen Westlake (Xihu) und den berühmten Longjing Grüntee, eine der bekanntesten Teesorten Chinas. Das Wetter zeigt sich leicht regnerisch, dennoch spazieren wir entlang des Seeufers – gemeinsam mit vielen chinesischen Besuchern. Immer wieder passieren kleine, offene Ausflugsbusse die Promenade, sodass man aufmerksam bleiben und gelegentlich ausweichen muss.

Wir setzen unseren Weg fort zur traditionsreichen Hefang Strasse, einer Fussgängerzone mit Architektur aus der südlichen Song Dynastie. Souvenirshops, Streetfood Stände und Kunsthandwerk prägen das Bild und vermitteln einen lebendigen Eindruck historischer Stadtkultur. Besonders charakteristisch für die Hefang Strasse ist die Mischung aus Geschichte, Alltagskultur und Genuss. Entlang der Fussgängerzone reihen sich Apotheken der traditionellen chinesischen Medizin, Teeläden, Kunsthandwerksbetriebe und Souvenirgeschäfte aneinander.
Die verschiedenen Shops sind farbenfroh und liebevoll gestaltet und laden zum Einkaufen ein.
Nur rund zwei Kilometer entfernt befindet sich das moderne Seeufer-Quartier Hubin, welches für die zeitgenössische, urbane Seite der Stadt steht. Besonders bekannt ist Hubin für seine hochwertigen Shopping Malls – allen voran der Hubin Yintai Komplex – mit internationalen Luxusmarken, trendigen Boutiquen und einer grossen Auswahl an Restaurants und Cafés. Gleichzeitig bleibt der Bezug zur Natur erhalten: Zwischen Glasfassaden und Einkaufsmeilen öffnen sich immer wieder Blickachsen auf den Westlake, der zu Spaziergängen und Pausen am Wasser einlädt.
Im Kontrast zur historischen Hefang Strasse vermittelt Hubin ein Bild des modernen, selbstbewussten Hangzhou. Abends sorgt eine dezente Beleuchtung entlang des Sees für eine angenehme Atmosphäre, und das Quartier wirkt trotz seiner Grösse überraschend entspannt.
Longjing-Teegebiet

Natürlich darf auch ein Besuch im Longjing Teegebiet nicht fehlen, das nur wenige Kilometer ausserhalb der Stadt liegt. Der Longjing Tee (Drachenbrunnentee) gilt als einer der renommiertesten Grüntees Chinas.
Das Dorf ist frei zugänglich, und man wird immer wieder freundlich zum Teetrinken und kaufen eingeladen. Die Landschaft ist hügelig, zwischen den Teeplantagen führen Spazierwege, die sich hervorragend für kurze Wanderungen und Fotostopps eignen. Immer wieder ergeben sich Gespräche mit Teepflückerinnen, die hier noch von Hand arbeiten. Uns wird erzählt, dass sich die jüngere Generation kaum mehr für diese Arbeit interessiert und vor allem ältere Menschen den Teeanbau weiterführen.
Die Teeblätter werden sorgfältig von Hand gepflückt – eine zeitintensive Arbeit, denn es dauert mehrere Stunden, bis ein Korb gefüllt ist. Da frische Teeblätter zu rund 75 Prozent aus Wasser bestehen, bleibt nach dem Trocknen nur ein kleiner Teil als fertiges Produkt übrig. Nach dem Pflücken werden die Blätter kurz ausgebreitet, um überschüssige Feuchtigkeit zu verlieren. Dieser Schritt macht die Blätter geschmeidiger und bereitet sie auf die anschliessende Erhitzung vor. Im Gegensatz zu vielen anderen Grüntees wird Longjing nicht gedämpft, sondern in grossen Eisenpfannen von Hand geröstet. Durch die Hitze wird die Oxidation gestoppt, sodass die frische grüne Farbe und die feinen Aromen erhalten bleiben. Während des Röstens werden die Blätter mit den Händen sanft gedrückt und gestrichen, wodurch sie ihre typische flache Form erhalten. Temperatur, Druck und Dauer erfordern viel Erfahrung – ein kleiner Fehler kann die Qualität deutlich beeinträchtigen. Durch wiederholtes Rösten und Abkühlen werden die Blätter weiter getrocknet und gleichzeitig geformt. Dieser Prozess bestimmt massgeblich Geschmack, Textur und Haltbarkeit des Tees. Nach dem Trocknen werden die Teeblätter sortiert. Hochwertiger Longjing zeichnet sich durch gleichmässige, flache Blätter, eine frische grüne Farbe und ein klares, leicht nussiges Aroma aus. Je früher die Ernte und je kleiner die Blätter, desto höher die Qualität – und entsprechend auch der Preis.
In der Tasse zeigt sich Longjing mild, frisch und ausgewogen, mit einer leicht süsslichen, nussigen Note und kaum Bitterkeit. Genau diese Eleganz macht ihn zu einem idealen Begleiter für ruhige Teemomente und erklärt seinen legendären Ruf in der chinesischen Teekultur.
Suzhou – Klassische Eleganz zwischen Gärten und Kanälen

Unsere Reise führt weiter nach Suzhou, oft als das „Venedig des Ostens“ bezeichnet. Ein chinesisches Sprichwort bringt den besonderen Stellenwert der Stadt auf den Punkt:
上有天堂,下有苏杭 – „Im Himmel gibt es das Paradies, auf Erden gibt es Suzhou und Hangzhou.“
Für mich ist Suzhou ein vertrauter Ort. Ich habe hier ein Jahr verbracht und an der Soochow-Universität Chinesisch gelernt. Schon damals hat mich die Stadt mit ihren weiss getünchten Häusern, den kunstvoll angelegten Gärten und den zahlreichen Kanälen begeistert. Heute präsentiert sich Suzhou noch gepflegter als früher: Es liegt kaum Abfall herum, neue Metrolinien erleichtern die Fortbewegung, und das Stadtbild wirkt insgesamt sehr aufgeräumt und angenehm.

Die Altstadt unterscheidet sich deutlich vom modernen Teil der Stadt. Hochhäuser sind hier kaum zu finden, stattdessen dominieren Gebäude im traditionellen Stil. Die berühmten klassischen Gärten ziehen viele chinesische Besucher an und können entsprechend gut frequentiert sein. Auch lohnt es sich, einfach durch die Strassen zu schlendern – es gibt überall etwas zu entdecken. Auffällig ist auch die Qualität der angebotenen Waren: Handwerkliche Produkte wirken hochwertiger als an vielen anderen Orten. Statt üblichem Souvenir Ramsch findet man hier feine Seide, Schmuckstücke oder kunstvoll gearbeitete Jade.
Neben den Gärten lohnt sich ein Spaziergang durch die enge und lebhafte Pingjianglu. Die Pingjianglu gehört zu den ältesten noch erhaltenen Strassen Suzhous und folgt seit über 800 Jahren unverändert dem Verlauf eines schmalen Kanals. Genau diese Kombination aus Wasserweg und Gasse verleiht ihr ihren besonderen Charakter. Statt breiter Strassen prägen kleine Brücken, enge Durchgänge und traditionelle Wohnhäuser das Bild – vieles davon ist noch bewohnt.
Was die Pingjianglu von anderen historischen Strassen unterscheidet, ist ihre gelebte Authentizität. Zwar gibt es auch hier Cafés, kleine Läden und Teehäuser, doch sie fügen sich zurückhaltend in das bestehende Stadtbild ein. Hinter den offenen Türen spielen sich Alltagsszenen ab: Bewohner waschen Wäsche, sitzen am Wasser oder unterhalten sich mit Nachbarn. Tourismus und lokales Leben existieren hier nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu verdrängen.
Besonders reizvoll ist der Kontrast zwischen Bewegung und Ruhe. Während Besucher durch die Gasse schlendern, gleiten Boote gemächlich über den Kanal, und immer wieder laden kleine Sitzgelegenheiten dazu ein, innezuhalten und zu beobachten. Die Pingjianglu vermittelt damit ein sehr ursprüngliches Bild von Suzhou – ruhig, entschleunigt und nah am Alltag der Menschen.
Shantangjie

Ebenfalls sehenswert ist die Shantangjie, eine der bekanntesten historischen Strassen Suzhous. Sie verläuft entlang eines Kanals, der einst eine wichtige Verbindung zwischen der Stadt und dem Tigerhügel bildete. Entsprechend ist die Strasse bis heute geprägt von traditionellen Häusern, kleinen Brücken und Wasserwegen – ein klassisches Bild des alten Suzhou.
Besonders charakteristisch für die Shantangjie ist ihr Wandel entlang der Strecke. Der vordere Teil ist stark touristisch geprägt, mit Souvenirshops, Snackständen und Bootsfahrten auf dem Kanal. Je weiter man sich jedoch von diesem belebten Abschnitt entfernt, desto mehr tritt der Alltag der lokalen Bevölkerung in den Vordergrund. Touristische Angebote weichen kleinen Werkstätten, einfachen Lokalen und Wohnhäusern.
In den ruhigeren Abschnitten erlebt man eine sehr authentische Atmosphäre: ältere Menschen sitzen entspannt auf Stühlen am Strassenrand, beobachten das Geschehen oder spielen Mahjong, Wäsche hängt zum Trocknen über den Gassen, und Massagen werden teilweise direkt am Strassenrand angeboten. Genau dieser Übergang vom touristischen Einstieg hin zu gelebtem Alltag macht die Shantangjie besonders reizvoll und bietet einen ehrlichen Einblick in das traditionelle Stadtleben Suzhous.
Jinji-See

Als bewussten Kontrast zum historischen Teil der Stadt besuchen wir den Jinji-See. Am Westufer steht das markante Hochhaus „Gate to the East“, das aufgrund seiner Form im Volksmund auch „die Hose“ genannt wird. Eine schöne Uferpromenade lädt zu einem Spaziergang entlang des Sees ein. Im Gegensatz zur Altstadt begegnen wir hier deutlich weniger Menschen und geniessen Park, Wasser und eine angenehme Brise in ruhiger Atmosphäre.
Was uns während der gesamten Reise immer wieder auffällt, bestätigt sich auch hier: Alles wirkt erstaunlich ruhig und gelassen. Niemand scheint in Eile zu sein – eine wohltuende Entschleunigung im Alltag einer chinesischen Grossstadt.
Beijing - Tempel, Stadtleben und ein Weltwunder zum Abschluss

Am Ende der Reise kehren wir zurück nach Beijing. Wir nutzen die Zeit für einen Besuch des Himmelstempels (Tiantan), eines meiner Lieblingsbauwerke der Stadt. Wenn die Sonne scheint und sich im tiefblauen Dach spiegelt, ist der Anblick besonders eindrucksvoll. An diesem Tag zeigt sich der Himmel zwar eher milchig weiss, doch auch so strahlt der Tempel eine grosse Ruhe und Eleganz aus. Der Himmelstempel war früher ausschliesslich dem Kaiser vorbehalten, der als „Sohn des Himmels“ galt. Die Rituale, insbesondere zur Wintersonnenwende, hatten eine enorme politische und spirituelle Bedeutung. Architektur und Anlage folgen dabei strengen kosmologischen Prinzipien: runde Bauwerke symbolisieren den Himmel, quadratische Flächen die Erde – ein zentrales Element der traditionellen chinesischen Weltanschauung.
Der Himmelstempel liegt in einem weitläufigen Park, der von den Einheimischen intensiv genutzt wird. Menschen spazieren, musizieren, tanzen oder üben Tai Chi – ein lebendiges Erholungsgebiet mitten in der Grossstadt und ein schöner Einblick in den Alltag der Pekinger Bevölkerung.
Vor der Rückreise darf natürlich auch das Shopping nicht fehlen. Besonders geeignet sind dafür Wangfujing oder Xidan, letzteres auf der westlichen Seite des Tiananmen Platzes gelegen. Beide Gegenden bieten eine grosse Auswahl an Geschäften und Einkaufszentren.
Für den Ausflug zur Chinesischen Mauer wählen wir bewusst den sonnigsten Tag. Die Chinesische Mauer gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Menschheitsgeschichte und ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Chinas. Entgegen der verbreiteten Annahme handelt es sich nicht um eine durchgehende Mauer, sondern um ein weit verzweigtes System aus Mauern, Wällen, Gräben und Wachttürmen, das über Jahrhunderte hinweg errichtet und immer wieder erweitert wurde.
Es gibt mehrere restaurierte Mauerabschnitte, die besucht werden können. Badaling ist am einfachsten erreichbar und entsprechend stark frequentiert. Wir entscheiden uns daher für Mutianyu, etwas weiter ausserhalb gelegen und landschaftlich besonders reizvoll. Zu unserer Überraschung treffen wir hier erstmals auf dieser Reise auf mehr ausländische als chinesische Besucher. Insgesamt ist deutlich weniger los als erwartet – eine sehr positive Überraschung, die es uns erlaubt, die Mauer in aller Ruhe zu geniessen.
Der eigentliche Eingang liegt etwas unterhalb der Mauer und ist mit einem Shuttlebus erreichbar. Vor Ort stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung: eine Seilbahn, ein Sessellift sowie eine Rodelbahn. Wir fahren beispielsweise mit der Seilbahn hinauf, spazieren ein Stück auf der Mauer entlang und kehren am anderen Ende mit dem Sessellift zurück ins Tal. Die Dimensionen der Mauer sind gewaltig – sie auf Fotos zu sehen ist das eine, selbst darauf zu stehen und zu gehen, ein ganz anderes Erlebnis. Ein Ausflug, der sich ohne Frage lohnt und einen würdigen Abschluss dieser Reise bildet.
Fazit
China überrascht und fasziniert mich nach wie vor – selbst nach mehreren längeren Aufenthalten und zahlreichen Reisen durch das Land. Vieles hat sich in den letzten Jahren spürbar verändert: China präsentiert sich heute sauberer, moderner und effizienter als früher. Das Reisen ist komfortabler geworden und vermittelt insgesamt ein neues, sehr positives Erlebnis.
Besonders eindrücklich ist der Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes. Distanzen, für die man früher bis zu 17 Stunden im Zug unterwegs war oder auf einen Inlandflug ausweichen musste, lassen sich heute in wenigen Stunden zurücklegen. Das verkürzt die Reisezeiten enorm und schafft Raum für das Wesentliche: Zeit vor Ort, um Städte, Landschaften und Begegnungen bewusst zu erleben.
Ein konstanter Anziehungspunkt bleibt für mich die chinesische Küche. Sie ist unglaublich vielfältig, regional stark geprägt und voller Überraschungen. Jede Provinz hat ihre eigenen Spezialitäten, und auch das Streetfood überzeugt meist durch Frische und Geschmack. Kulinarische Entdeckungen gehören in China einfach dazu.
Besonders spannend war es, vertraute Orte neu zu entdecken und den Fortschritt mit eigenen Augen zu sehen. China bleibt ein Land der Gegensätze: hochmodern und in vielen Bereichen weiter als wir es aus Europa kennen – und gleichzeitig tief verwurzelt in Traditionen, die gelebt und gepflegt werden. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, wird mit einem facettenreichen und eindrücklichen Reiseerlebnis belohnt.
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