Farmhouse Smiling Gecko Kambodscha

Ein nachhaltiges Tourismusprojekt schenkt Slumbewohnern ein neues Leben, gepostet von Tanja Polli am 22.01.18

Kambodscha ist zu einem Trendziel geworden. Das bringt neben Devisen grosse Probleme ins Land: Touristenmassen gefährden die weltberühmten Tempelanlagen von Angkor Wat, Golfplätze verbrauchen wertvolles Trinkwasser und in Sihanoukville sollen gar Spielcasinos im Stil von Macau entstehen. Nur selten profitiert die Bevölkerung von den investierten Geldern.

Zum Glück gibt es ausserhalb von Phnom Penh ein Projekt, das zeigt, dass erfolgreicher Tourismus, Nachhaltigkeit und soziales Engagement kein Widerspruch sind: das Farmhouse Smiling Gecko. Das Farmhouse ist nicht nur ein Ort, an dem sich auftanken und geniessen lässt - das Projekt holt ganze Familien aus den Slums. Weiter ernährt der Erlös des Eco-Hotels fast tausend Schulkinder. Wer in den im traditionellen Stil gestalteten Bungalows übernachtet, finanziert die Ausbildung von Kindern und verbessert die Lebensbedingungen ganzer Familien. Das Farmhouse ist der Mittelpunkt eines Clusterprojektes, das langfristig nichts Geringeres zum Ziel hat, als eine ganze Region aus der Armut zu befreien. Der Anfang ist gemacht: Ein Bauerndorf steht, das Farmhouse, eine Schreinerei, die Schule. Auf dem Gelände des Projektes wird biologisches Gemüse angebaut und Viehzucht betrieben. Ehemalige Bewohner der Slums der Hauptstadt arbeiten jetzt im Tourismus - mit Arbeitsverträgen, die dem Schweizer Arbeitsrecht angelehnt sind. Die exzellente Küche beglückt Touristinnen und Touristen mit Gourmetmenüs und kocht gleichzeitig gesunde Mahlzeiten für mehrere hundert Schulkinder. Aber alles der Reihe nach...

Wie alles begann

Es war das harte Schicksal der Slumbewohnerinnen und -bewohner in Phnom Penh, das den Schweizer Star-Fotografen Hannes Schmid dazu bewegt hat, sein eigenes Leben auf den Kopf zu stellen. Schmid lernte vor ein paar Jahren in den Abfallhalden der kambodschanischen Hauptstadt Menschen kennen, die sich von dem ernährten, was sie dort fanden. Schmid wusste sofort, dass er helfen wollte. Er bezog eine Hütte im Slum und teilte den Alltag der Familien: Die Eltern durchsuchten die Abfälle der Grossstadt nach Verwertbarem, die Kinder jagten Ratten, um das Fleisch zu verkaufen - oder sie verkauften sich gleich selber an Freier. Kambodscha ist eines der ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder der Welt, 40 Prozent der Bevölkerung kämpfen ums nackte Überleben. 2012 gründete Schmid, der bis dahin Reiche und Schöne fotografiert hatte, den gemeinnützigen Verein Smiling Gecko. Seine Sponsoren findet Schmid weltweit. Roger Hodgson, Freund und Frontmann der Band Supertramp, schenkte dem Projekt gar das Verwendungsrecht des Klassikers "Give a Little Bit".

Herzensbildung inklusive

Nichts erinnert im Farmhouse an die sozialen Probleme im Land. Umgeben von Reisfeldern und eingebettet in sanfte Hügel laden wunderschöne Gästelodges zu Musestunden. Die Hotelanlage verfügt über elf Bungalows mit 22 Doppelzimmern und ist eine Oase: Ein Swimmingpool, die wunderschöne Yoga-Shala, das Massagecenter und das exklusive Restaurant, das eine Fusion aus westlicher und lokaler Khmer-Küche serviert, genügen höchsten Ansprüchen. Ein Spaziergang zum lokalen Tempelberg bietet die Möglichkeit, den buddhistischen Mönchen beim Morgengebet zuzuschauen und eine Fahrt mit dem Bamboo Train über eine verlassene Eisenbahnlinie macht ganz einfach Spass. Und doch macht im Farmhouse Smiling Gecko niemand Urlaub, der danach nicht weiss, wie die Lebensrealität der armutsbetroffenen, kambodschanischen Bevölkerung aussieht.

Wer im Farmhouse übernachtet, bucht ein zweitägiges Package, (Herzens-)Bildung und Karmapunkte eingeschlossen:

  • Frühmorgens besuchen die Gäste den lokalen Fischmarkt und erhaschen dabei einen Blick auf die Lastwagen, auf denen Frauen zu Hunderten zusammengepfercht in die Textilfabriken gefahren werden. Spätestens danach wissen sie, warum es so wichtig ist, dass Smiling Gecko versucht, den Arbeiterinnen zu fairen Löhnen und humanen Arbeitsbedingungen zu verhelfen 
  • Es folgt ein Besuch bei den Familien, die Lebensmittel für das Farmprojekt produzieren.
  • Ein Rundgang durch die Schreinerei, die mit Unterstützung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) nicht nur das Farmhouse und die Dorfschule gebaut hat, sondern auch junge Kambodschaner nach Schweizer Standards ausbildet. 
  • Die Tour bietet ausserdem einen Einblick in die von Smiling Gecko realisierte Dorfschule. 
  • Genuss pur steht im Restaurant des Farmhauses auf dem Programm. In Kooperation mit der Schweizer Hotelfachschule Luzern (SHL) werden hier Köchinnen, Köche und weiteres Personal im Gastgewerbe ausgebildet. Dank der Zusammenarbeit mit "Gate Gourmet" warten auf sie Arbeitsplätze im Flughafen von Phnom Penh.


Zukunftsweisende Technologien

Familien, die früher als Abfallsammler knapp überlebten, bauen heute Biogemüse an und produzieren Bio-Eier und Bio-Fleisch. Weitere Hotels beziehen die Produkte, ein Ausbau der Kapazitäten ist im Gang. In den künstlichen Seen rund um das Dorf wachsen biologisch gefütterte Tilapia-Fische und wertvolle Spirulina-Algen heran. Sie sorgen dafür, dass die Menschen wertvolles Protein erhalten und die umliegenden Felder genügend Nährstoffe. Die Bauernhäuser wurden mit zukunftsweisender Technik ausgerüstet, gekocht wird mit Biogas, alle Bewohnerinnen und Bewohner werden in Abfall- und Wassermanagement geschult.

Die Dorfschule

Mehrere hundert Kinder aus der Region besuchen die Smiling Gecko Dorfschule. Es sind die ärmsten der Armen, die hier ausgebildet werden, Kleidung bekommen und dreimal täglich eine warme Mahlzeit. Ihre Lehrer werden nach Bildungsplänen der Pädagogischen Hochschule Zürich weitergebildet. Schläge gibt es für die Kinder keine mehr, dafür Sport- und Handarbeitsunterricht und ganz viel Zeit zum Spielen. Daneben bietet die Schule ein Kurs- und Klassenlagerangebot für Kinder von benachbarten Satellitenschulen an. Später können die Kinder und Jugendlichen hier die verschiedensten Berufe kennenlernen und bei Interesse im dualen System praktische Erfahrungen und Kenntnisse im angestrebten Beruf erlangen.

Der Mensch zuerst

Wer im Farmhouse arbeitet, wird dem Schweizer Arbeitsrecht unterstellt. Fünf-Tage-Woche, fünf Wochen Ferien, Mutterschaftsurlaub etc. Alle Mitarbeitenden, auch jene, die keinen direkten Kontakt zu Touristen haben, vom Gärtner bis zum Chef de Service, bekommen täglich Englisch-Unterricht.

Mariya: aus dem Slum zur talentierten Köchin

Mariya wuchs in einem Slum auf. Sie durfte nie zur Schule. Noch in der Pubertät wurde sie zwangsverheiratet. Als sie Mutter wurde, hat man ihr die Kinder weggenommen. Smiling Gecko fand Mariya auf der Strasse. Kaum hatte sie begonnen, in der Küche des Farmhauses zu arbeiten, entdeckte man ihr grosses Talent: Ohne je eine Kochschule besucht zu haben, zauberte sie sensationelle Menus. Heute wohnt Mariya mit ihren Kindern im Farmhouse Smiling Gecko. Sie hat an der Hotelfachschule in Luzern Kurse besucht, durfte in namhaften Gourmetküchen in Europa Praktikas absolvieren. Schreiben und lesen fällt ihr bis heute schwer, dennoch hat es Mariya geschafft: Sie bildet als Küchenchefin im Restaurant des Smiling Gecko Farmhouse andere junge Menschen aus, denen es ergangen ist wie ihr. Ihre beiden Kinder leben wieder mit der Mutter zusammen und besuchen die dorfeigene Schule.

GaultMillau-Koch Tino Staub vom Zürcher Hotel Widder:

"Mariyas Kampot-Pfeffer-Shrimps sind umwerfend. Ich werde Gerichte, die von dieser kambodschanischen Spezialität inspiriert sind, auf die Karte meines neuen Restaurants "Flavours of the World" nehmen."

Weltweit erfolgreich

2015 übernahm Hans Wettstein von Insight Reisen das Marketing des Tourismusprojektes. Viele namhafte Asien-Anbieter haben das Programm des Farmhauses inzwischen in ihren Reisekatalog aufgenommen. Der Aufenthalt im Farmhouse Smiling Gecko kann über Insight Reisen gebucht werden..

Smiling Gecko Plus

Smiling Gecko ist ein holistisches Clusterprojekt. Alles, was die NGO macht, soll zu einem grossen Ganzen verschmelzen, das darauf abzielt, die Lebensumstände für alle von Armut betroffenen Kambodschanerinnen und Kambodschaner zu verbessern:

  • Das Tuktuk-Projekt: 70 ausgewählten Familien aus dem Slum wurde ein Tuktuk zur Verfügung gestellt, mit dem sie auf den Strassen von Phnom Penh Taxidienste für Einheimische und Touristen anbieten können. Damit verdienen sie erstmals ein geregeltes und lebensnotwendiges Einkommen. 

  • Das Bambus-Projekt: Holz ist knapp im Land, in dem 80 Prozent der Wälder abgeholzt wurden. Nun forschen Umweltingenieure im Auftrag von Smiling Gecko an der Produktion neuartiger, nachhaltiger Baumaterialien. Allen voran Bambus. Die Forschung zielt darauf ab, eine leichtere, stärkere und billigere Alternative für Stahl zu entwickeln, die obendrein nicht rostet. Bambus mit seinem schnellen Wachstum, seiner unvergleichlichen Fähigkeit, CO2 zu speichern, und seiner überlegenen mechanischen Festigkeit sowie seiner Erneuerbarkeit bietet sich hierfür an.

  • Das Textilprojekt: Die geplante, nachhaltige Textilausbildung und -Produktion in unmittelbarer Nähe des Farmdorfs spielt eine wichtige Rolle im Gesamtsystem. Sie soll vorerst rund 300 Personen aus der Region Ausbildung und Arbeit zu fairen Löhnen und unter humanen Bedingungen bieten und darüber hinaus regelmässige, kalkulierbare Erträge erwirtschaften, die dazu beitragen, die laufenden Kosten des Dorfschulprojektes mitzufinanzieren.

  • Um sich für die Zukunft noch breiter aufzustellen, arbeitet Smiling Gecko daran, über Kooperationen mit renommierten nationalen und internationalen Unternehmen weitere Gewerbebetriebe in die Nähe des Farmdorfes zu bringen.

  • Um 25'000 Reisbäuerinnen und Reisbauern in der Region (rund um Smiling Gecko) ein Auskommen zu ermöglichen, baut Smiling Gecko rund um das Farmhouse clevere Bewässerungssysteme und eine moderne Reismühle.

  • Smiling Gecko unterstützt ein Kinderspital mit Medikamenten, Operationstischen und Verbrauchsmaterialen und sorgt dafür, dass kranke Strassenkinder medizinische Hilfe bekommen. 


Was Hannes Schmid in nur drei Jahren aufgebaut hat, ist einmalig. Schon jetzt leben über hundert Kambodschanerinnen und Kambodschaner direkt vom Smiling Gecko Farmhouse, knapp tausend Kinder profitieren von einer soliden Schulbildung. Und das ist erst der Anfang der Geschichte, die das Leben der benachteiligten Bevölkerung Kambodschas verändern wird. Zahlreiche Projekte, die direkt oder indirekt mit dem Farmhouse zusammenhängen, werden in den nächsten Jahren realisiert.