Ein Abenteuer mit garantiert entspanntem Ausgang

Tagebuch aus einer Ayurveda-Kur, gepostet von Tanja Polli

Plötzlich traf ich sie überall, an Geburtstagsfesten, an Messen, an geschäftlichen Meetings: die Frauen und Männer, die nach den Ferien aus - sahen, als seien sie in einen Jungbrunnen gefallen. Ayurveda lautet ihr Zauberwort, und sie sagen Dinge wie «innerlich total gereinigt», «voller Energie», «viel weniger gestresst».

Die ersten zwei-, dreimal hört man sich das an – aber irgendwann will man das selber auch. Die Auswahl an Kur - orten ist riesig. Meine Wahl fällt auf ein Resort in Indien. Was wird mich erwarten? «Einläufe», prophezeien Freunde, «bittere Pflanzenliköre» und «flüssige Butter in Weingläsern».

Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht so richtig entspannt bin, als ich ins Flugzeug steige. Nach neun Stunden Flug sind die Ängste aber erst einmal vergessen. Ich wohne in einem Bungalow mitten in einem Palmengarten, wenige Meter davor liegt ein endloser Strand, ein paar Fischer holen gerade ihre Netze ein.

Aber schnell wird klar: Das hier sind keine Ferien, das hier ist eine Kur. Wenige Stunden nach der Ankunft folgt die erste Konsultation bei einer ayurvedischen Ärztin. Welches Essen ich bevorzuge, will sie wissen. Welches Klima? Die Fragen sollen helfen, Doshas zu bestimmen, also herauszufinden, welches der Elemente Feuer, Luft oder Erde am ehesten mein Dasein bestimmt. Frau Doktor drückt mir ein kleines Fläschchen mit einer dickflüssigen, dunkelbraunen Flüssigkeit in die Hand und schickt mich in die erste Massage. Endlich!

Mit meinem Behandlungsplan habe ich richtig Glück. Die ersten Worte, die ich entziffere, sind: «Uzhichil», eine Massage mit Kräuteröl. Sie soll verjüngen und mein Leben verlängern. «Thirumal» steht für dieselbe Prozedur, allerdings mit den Füssen ausge - führt. Dann: «Podikizhi», eine Art Peeling. Das Pflanzenpuder, das mir – wie sollte es anders sein – zusammen mit Öl eingerieben wird, soll Gelenk - schmerzen verschwinden lassen, bei Rückenbeschwerden helfen und die Fettverbrennung anregen.

Laut meiner ayurvedischen Ärztin stärken warme Getränke das Verdauungsfeuer. Während wir im Westen die Redewendung kennen «Du bist, was du isst», sagt Ayurveda: «Du bist, was du verdaust.» Und um Nahrung richtig verwerten zu können, braucht der Mensch ein starkes Agni – Verdauungsfeuer. Brennt dieses gut, verleiht es dem Menschen ein strahlendes Aussehen, Fruchtbarkeit, Lebensfreude und ein gutes Immunsystem.

Ich greife also am Buffet kräftig zu, die wunderbar gewürzten vegetarischen Speisen wären für sich alleine ein Grund, jedes Jahr wiederzukommen.

Aber: Seit Tagen haben Frau Doktor und meine Therapeutinnen darauf hingearbeitet, meinen Körper auf die grosse Entgiftung vorzubereiten. Nachdem der Kaffeeentzug überstanden war, fühlte ich mich fit und zunehmend entspannt. Aber sie waren nicht zu übersehen, die blassen Menschen, die mehrmals täglich an meinem Bungalow vorbei zur Küche pilgerten, um eine Thermoskanne mit warmem Kräuterwasser zu holen. Schnell fiel mir auf, dass diese Menschen später weder beim Mittag- noch beim Nacht - essen auftauchten. «Cleaning Day», flüsterten ihre Mitreisenden oder Tischnachbarn verschwörerisch, wenn man nach dem Befinden der Fehlenden fragte. Ein, zwei Tage später waren sie zurück. Mit rosigem Gesicht Reissuppe löffelnd.

 «Cleaning Day», der Tag, an dem die Giftstoffe aus dem Darm verschwinden sollen. Heute bin ich dran. Nach speziellen Massagen geht es ab in die Schwitzbox. Zehn Minuten soll ich in der Holzkiste sitzen. Durch die Hitze werden Transportkanäle (Shrotas) geöffnet, und das Öl soll noch besser in die Gewebe eindringen. Danach gibts kein Entrinnen mehr: meine Therapeutin bringt ein Glas mit einem sandigen, süsslichen Gebräu, das ich vor ihren Augen trinken muss. Dieser geheimnisvolle Likör soll meinen Körper von innen reinigen.

Die Nacht ist kurz, aber am nächsten Tag fühle ich mich leicht und ziemlich gut. Hellwach sitze ich um sechs Uhr früh in der Yogahalle und bekomme später mein persönliches Yogaprogramm für zu Hause zusammengestellt. Nach der täglichen (!) Morgenmeditation soll ich jeden Tag mindestens drei Runden Sonnengruss üben, sagt der Yogalehrer. Danach ein paar Dehn- und Kräftigungsübungen machen, um dann nach einer Ölmassage unter die Dusche zu hüpfen. Spätestens jetzt wird mir klar, dass das hier unter Palmen nur der Anfang der Kunst vom langen Leben ist …

Ob ich glücklich sei, fragen mich meine Freunde nach meiner Rückkehr in die Schweiz, ich sehe so gut aus. «Ayurveda», sage ich geheimnisvoll. Und ich weiss, irgendwann wollen sie das auch.

Ayurveda-Kuren in Indien